Selbstverständnis von Ehrenamtskoordinator_innen und Freiwilligen

Modul 4 zur „Freiwilligenkoordination BFE“

Frage(n) vorweg: Wie kann die Zusammenarbeit von Ehrenamtskoordinator_innen und Freiwilligen gelingen?

Teilnehmende des Jour Fixe

Zusammenfassung: Worum es geht

Bei der Zusammenarbeit mit Freiwilligen kann es auch zu Problemen oder Konflikten kommen. Freiwillige fühlen sich vielleicht nicht ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt. Hauptamtliche empfinden Freiwillige als übergriffig oder als Konkurrenz. Dem zugrunde liegt oft ein fehlendes Rollen- bzw. Selbstverständnis sowohl der Ehrenamts-koordinator_innen als auch der Freiwilligen hinsichtlich ihrer Tätigkeit.
Im Rahmen von vier Jour fixe des Beratungsforums Engagement für Geflüchtete im Mai 2017 diskutierten Ehrenamtskoordinator_innen aus Berliner Unterkünften für geflüchtete Menschen über das eigene Rollenverständnis, über Faktoren einer gelingenden Zusammenarbeit und über Herausforderungen/Konflikte.

Aus der Praxis der Ehrenamtskoordinator_innen in Berliner Unterkünften für Geflüchtete

Das eigene Rollenverständnis:
Ehrenamtskoordinator_innen (EAK_innen) sehen sich als Schnittstelle/Bindeglied/Vermittler zwischen Bewohner_innen und Freiwilligen (FW) sowie auch zwischen Hauptamtlichen (HA) und Freiwilligen. Je nach Bedarf akquirieren sie Freiwillige, bereiten diese auf ihre Tätigkeiten vor und schaffen gute Rahmenbedingungen für das Engagement. Darüber hinaus sehen sich die EAK_innen auch als Netzwerker_innen in der Kooperation mit Projekten und üben eine Filterfunktion hinsichtlich der externen Angebote aus, die zu den Erwartungen und Bedarfen der Bewohner_innen passen sollen.
EAK_innen sind mal Problemlöser_innen, mal Netzwerker_innen, Eventmanager_innen, Projektmanager_innen, Öffentlichkeitsarbeiter_innen und vieles mehr.
Die Vielseitigkeit der eigenen Rolle wird als positiv bewertet. Eine Schwierigkeit ist aber, dass die Erwartungen aller Beteiligten (FW+HA) an die Ehrenamtskoordinator_innen sehr unterschiedlich und oft unklar sind.

Was klappt gut in der Zusammenarbeit mit den Freiwilligen?
Die Kooperation mit Freiwilligen gelingt …

wenn sich beide Seiten klar über ihre Rolle und ihr Selbstverständnis sind:
EAK: Hilfreich ist hier eine Stellenbeschreibung, ein Konzept oder eine Strategie hinsichtlich der Ehrenamtskoordination sowie strukturierte Rahmenbedingungen für die eigene Tätigkeit. Die eigenen Erwartungen an die Tätigkeit, aber auch die Erwartungen an die Freiwilligen sollten geklärt sein. Wie sehe ich meine Rolle?
FW: Hilfreich ist ein Aufgabenprofil und im Vorfeld geklärte Rahmenbedingungen für das Engagement der Freiwilligen. Auch eine Checkliste für Freiwillige im Vorfeld ihrer Tätigkeit hilft ihnen, die eigene Rolle zu klären: Was ist meine Rolle in der Einrichtung? Welche Kompetenzen möchte ich einbringen/bringe ich mit? Welche Erwartungen habe ich? Wo sind meine Grenzen?

wenn wichtige Abläufe im Arbeitsalltag innerhalb der Unterkunft transparent sind:
Für Freiwillige ist nicht immer zu durchschauen, wer was macht. Eine Vorstellung der Teammitglieder (HA/andere FW) und ihrer Aufgaben ist daher sehr hilfreich, ebenso ein Überblick über die Ziele bzw. das Leitbild der Organisation. EAK_innen sollten den Freiwilligen gegenüber unbedingt ihre eigene Rolle, den eigenen Aufgabenbereich und ihre Zeitressourcen ausführlich darlegen. So kann verdeutlicht werden, dass hohe Betreuungsleistungen, die einige FWs einfordern, von den EAK_innen nicht geleistet werden können. Wichtig ist auch die gemeinsame Abstimmung der Aufgaben der Freiwilligen: Was wird übernommen? Wo sind die Grenzen zum Hauptamt? Und was sind die Hintergründe für diese Grenzziehung?

wenn die Kommunikation klappt:
Die Kommunikation mit Freiwilligen sollte persönlich und verbindlich sein und eine hohe Kontinuität aufweisen. Im regelmäßigen Austausch sollten EAK_innen die Freiwilligen einerseits darüber informieren, was aktuell in der Unterkunft abläuft und andererseits klären, was die Freiwilligen in ihrem Engagement bewegt. Wichtig ist, über die Tätigkeit gemeinsam zu reflektieren: Wie läuft die Arbeit derzeit? Wo gibt es Probleme? Welche Fragen gibt es? Wird Supervision oder Fortbildung benötigt?
Bei sich anbahnenden Konflikten ist es umso wichtiger sich intensiv auszutauschen, sich auszusprechen, gleichberechtigt ohne Vorgaben zu bleiben und sich seinem Gegenüber zu öffnen.

wenn Wertschätzung gezeigt wird:
Freiwillige wollen nicht als zusätzliche Arbeitskraft, sondern als Menschen gesehen werden. Daher ist es sehr wichtig, sie kontinuierlich zu loben und ihnen zu zeigen, wie wichtig sie und ihr Engagement für die Unterkunft sind. EAK_innen sollten sich immer wieder Zeit nehmen für ein kurzes persönliches Gespräch zwischendurch, in dem auch Privat-Themen angesprochen werden dürfen.

Ansätze aus dem Freiwilligenmanagement

– Im Rahmen des Jour Fixe des Beratungsforums Engagement für Geflüchtete wurde von der Referentin Anke Kautz, Mediatorin, Coach und Trainerin, ein Handout erstellt

– Die Checkliste für Freiwillige der FreiwilligenAgentur KreuzbergFriedrichshain soll Freiwillige unterstützen, sich im Vorfeld mit ihrem Engagement auseinanderzusetzen

– Verschiedene Materialien der Universität Duisburg/Essen und des Instituts für Engagementförderung Hamburg zeigen Modelle zur Kooperation von HA und FW

Aus der Diskussion

# Erwartungshaltung gegenüber den Bewohner_innen: Freiwillige sind frustriert, wenn die Bewohner_innen die Angebote nicht nutzen.
Problem: Oft fehlt es an Einfühlungsvermögen, manche Freiwillige haben kein Verständnis für die momentanen Prioritäten der Bewohner_innen oder für kulturellen Unterschiede. Es kann auch sein, dass das Angebot gerade nicht bedarfsgerecht ist.
Lösungsansatz: Kommunikation und Transparenz:
– Bewusstsein dafür schaffen, dass die Bewohner_innen nicht undankbar sind, sondern gerade andere Bedürfnisse oder andere kulturelle Ansprüche haben. Es ist auch einfach mal okay, nicht an Angeboten teilzunehmen, weil die anstehende Anhörung Zeit und Kraft kostet.
– Freiwillige motivieren, auf die Bewohner_innen zu zugehen und selbst Kontakt aufzubauen. Wer sich selbst bekannt macht und Gespräche führt, baut nachhaltige Beziehungen auf. Dies ist oft sinnvoller und hilfreicher für die Bewohner_innen, als Kurse anzubieten.
– Fortbildungen anbieten zur interkulturellen Sensibilisierung.

# Grenzüberschreitungen durch Ehrenamtliche
Problem: Die Grenzen zur Arbeit der Hauptamtlichen (z.B. Sozialarbeit) werden immer wieder überschritten, bspw. werden Arzttermine der Geflüchteten von Freiwilligen abgesagt, weil sie diese nicht für nötig halten. Die Freiwilligen haben ein eigenes Integrationskonzept, von dem nicht abgewichen wird.
Lösungsansatz: Kommunikation, Konsequenzen ziehen
– Das Gespräch suchen und darlegen, wo die Grenzen zum Hauptamt liegen.
– Wenn dies nicht hilft, ein gemeinsames Gespräche mit der Leitung vereinbaren, da diese ggf. als größere Autorität von den Ehrenamtlichen angesehen wird.
– Wenn es keine Änderung im Verhalten gibt, müssen Konsequenzen gezogen und die Zusammenarbeit beendet werden

# Ehrenamtliche vs. Hauptamtliche: Ehrenamtliche möchten, dass „Geflüchtete genauso gut leben sollen, wie ich, aber die Hauptamtlichen verhindern das“.
Lösungsansat: Kommunikation, Transparenz
– Bewusstmachen, dass man ein Team ist und am gleichen Strang zieht bzw. das gleiche Ziel verfolgt.
– Die Abläufe innerhalb der Unterkunft und die gegenseitige Arbeit transparent machen. Allerdings müssen auch Grenzen klar formuliert werden, z.B. das es Unterkunftsangelegenheiten gibt, bei denen Freiwillige keine Mitsprache-anforderungen haben können



Bei allen hier geäußerten Problemen geht es darum, einen Weg zu finden, das Engagement der Ehrenamtlichen wertzuschätzen, gut mit ihnen umzugehen, aber gleichzeitig auch, wenn es nötig ist, Grenzen zu ziehen bis hin zur Trennung (wichtig dabei: Gewaltfreie Kommunikation, anerkennend bleiben das Engagementangebot betreffend).

BERATUNGSFORUM ENGAGEMENT FÜR GEFLÜCHTETE
„Freiwilligenkoordination BFE“ | „Freiwilligenkoordination BFE“ – Modul 4
aktualisiert: 18.05.2017