Angebote, Bedürfnisse und Beteiligung von Geflüchteten

Modul 8 zur „Freiwilligenkoordination BFE“

Frage(n) vorweg: Wie können geflüchtete Menschen (noch) mehr an der Organisation und Durchführung freiwilliger Angebote sowie an der Gestaltung des Miteinanders in den Unterkünften teilhaben und partizipieren?

Teilnehmende des Jour Fixe

Worum es geht

Die grundsätzlichen Bedürfnisse geflüchteter Menschen unterscheiden sich selbstverständlich nicht von den Bedürfnissen nicht geflüchteter Menschen. Die besondere Situation in denen Menschen sich befinden, die eine z.T. langjährige Flucht, eine z.T. langjährige Unterbringung auf engem Raum mit vielen anderen Menschen ohne Privatsphäre und alltägliche Diskriminierungserfahrungen haben, stellt aber oft einige Bedürfnisse in den Fokus. Die Teilnahme und Partizipation von Menschen in dieser speziellen Situation zu fördern, stellt für alle Beteiligten oft eine Herausforderung dar. Zu betonen ist, dass eine differenzierte Betrachtung der Einzelsituation eines jeden Menschen bzw. die Wahrnehmung als Individuum erfolgen muss. Nur so kann der Aufbau einer Vertrauensbasis sowie die Vermittlung des Modells einer Beteiligungskultur gelingen.

Aus der Theorie des Freiwilligenmanagements

Bedürfnisse bezeichnen in der Psychologie das Erleben eines Mangels in Verbund mit dem Wunsch, diesen zu beheben. Große Bekanntheit hat das Modell des Sozialpsychologen Abraham Maslow erlangt. In diesem Modell hält Maslow fest, dass manche Bedürfnisse eine höhere Priorität haben als andere. Bedürfnisse werden in der sogenannten Maslowschen Bedürfnishierarchie fünf aufeinander aufbauenden Kategorien zugeordnet. Die Basis bilden dabei grundlegende physiologischen Bedürfnisse. Die höchste Stufe besteht aus kognitiv und emotional komplexeren Bedürfnissen.

 

Der Begriff Empowerment beschreibt Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Selbstbestimmung im Leben von Menschen erhöhen sollen. Das Ziel dieser Vorhaben ist es, Menschen zu eigenmächtigen, selbst verantworteten Entscheidungen zu befähigen. In Bezug auf Menschen mit Fluchterfahrung bedeutet Empowerment, die jeweilige Person dabei zu unterstützen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen, bzw. Wege zu neuen Ressourcen und Gestaltungsspielräumen zu finden.

Was heißt das für die Praxis der Ehrenamtskoordinator_innen in Berliner Unterkünften für Geflüchtete?

Spezifische Bedürfnisse von Menschen mit Fluchterfahrung sind nach Meinung der Ehrenamtskoordinator_innen:

  • Sicherheit
  • Status, Bleibe- bzw. Zukunftsperspektive, Familiennachzug
  • Wohnen, eigener Wohnraum, Privatsphäre, Ruhe und Zeit zur Verarbeitung, zum Ankommen
  • Alltagsstruktur, Kontinuität in der Unterkunft, stabile Bezugspersonen, Orientierung (Ort, System), Zugang zu Informationen
  • Hilfsangebote zur Bewältigung von Traumatisierung, traumasensibler Umgang
  • Qualifizierte Unterstützung
  • Soziale Kontakte, Austausch, kulturelle und soziale Anknüpfungspunkte, Teilhabe am sozialen Leben, Zugehörigkeitsgefühl
  • Arbeit, Verdienst (Geld)
  • Selbstbestimmung
  • Anerkennung (Fähigkeiten, Kompetenzen), Wertschätzung
  • Sprachkenntnisse

 

Angebote, die derzeit besonders gut für Bewohner_innen der Unterkünfte passen, sind nach Meinung der Ehrenamtskoordinator_innen:

  • Angebote, die sich nur an Frauen richten mit ungezwungenem Austausch-Charakter (z.B. Frauenfrühstück, Frauen-Café, Frauenraum)
  • Angebote, die sich nur an Männer richten (z.B. Männer-Café)
  • Erziehungsberatung und Krabbelgruppen (als Ersatz für familiären Austausch, Kennenlernen von unterschiedlichen Erziehungsmodellen, Bindungsaufbau zum Kind)
  • Hilfe von Geflüchteten für Geflüchtete
  • Unterstützung bei der Wohnungssuche (z.B. Wohngebietspatenschaften, AG Wohnungssuche)
  • Unterstützung bei der beruflichen Integration (Job-Projekte)
  • Patenschaften
  • Kochprojekte
  • Schul- und Hausaufgabenhilfe, Aktivitäten für Kinder (Ausflüge, Basteln, Mädchenchor etc.)
  • Sportangebote (z.B. Fußball)
  • Sprachkurse (Sprache im Alltag, spez. Prüfungsvorbereitung)
  • Behördenbegleitung
  • Psychologische Beratung in der Unterkunft

 

Formen praktischer Beteiligung können z.B. sein:

  • Bewohner_innen-Rat (Austausch auf Augenhöhe) und einer Bewohner_innen Versammlung
  • Kinderversammlung
  • ElternversammlungCommunity-Management (Sprachmittler tauschen sich mit der Community aus)
  • Einbezug von Muttersprachler_innen bzw. geflüchteten Menschen in die hauptamtlichen Strukturen oder in freiwillige Tätigkeiten

BERATUNGSFORUM ENGAGEMENT FÜR GEFLÜCHTETE
„Freiwilligenkoordination BFE“ | „Freiwilligenkoordination BFE“ – Modul 8
aktualisiert: 07.03.2018